Donnerstag, 12. Juli 2012

"Der Vorkrieg hat schon begonnen – Westmächte treiben Destabilisierung Syriens weiter"

"Von Charly Kneffel
Es scheint, als hätten sich einige Leute die ganze Syrien-Politik, die von Anfang an – kaum verhohlen – den Sturz des störenden Assad-Regimes zum Ziele hatte, etwas zu einfach vorgestellt. Tatsächlich trafen sich geostrategische Interessen der USA, der Türkei sowie das Hegemonialstreben Saudi-Arabiens, das eigentlich mehr auf den Iran abzielte, getroffen und den Unmut weiter Kreise der syrischen Bevölkerung, die an der Macht beteiligt werden wollten, für ihre Zwecke ausgenutzt. Doch nach fast einem Jahr ist das Resultat bisher ein Patt.
Zwar bemühen sich die westlichen Medien unverdrossen die Sache am Kochen zu halten und präsentieren fast jeden Tag irgendwelche neuen Schläge gegen Assad, doch die Linie wird brüchig. Zunächst mußte die ARD ausgerechnet auf Jürgen Todenhöfer zurück greifen, um ein Interview mit dem syrischen Präsidenten zu bekommen, der sich bemerkenswert souverän aus der Affäre zog. Man sah sich daher gezwungen, das Interview hinterher tot zu kommentieren und bot allerlei Experten auf, die Assad "Realitätsverlust" bescheinigten, ohne ihn beim Wort zu nehmen. Jetzt tauchen zunehmend Zweifel auf, ob der vor wenigen Wochen dramatisierte Abschuß eines türkischen Militärflugzeugs, das eingestandenermaßen syrisches Hoheitsgebiet verletzt hatte, nicht vielleicht doch eher ein Unfall gewesen sei.
Deutlich wird auch, daß die scheinbar geschlossene Front gegen Assad, deren Erfolg nur durch Rußland und China blockiert werde, offenbar doch nicht so groß und geschlossen ist wie in den Medien immer wieder behauptet. Groß ist wohl die Ablehnung der bürgerkriegsähnlichen Gewalt in Syrien – schon allein, weil sie eine nicht zu unterschätzende Gefahr für den Frieden in Nahost darstellt, der leicht unabsehbare Folgen haben könnte, aber an einem Systemwechsel in Syrien sind kaum mehr Staaten interessiert als die Westmächte selbst (insbesondere die USA) und einige nicht sehr vertrauenerweckende arabische Golfstaaten. Andererseits können die Urheber der Kampagne aber auch nicht mehr zurück, da der Syrien-Konflikt im Kern nur Bestandteil eines ökonomisch bedingten Rollback in der Region ist, mit dem letztlich die wichtigsten Rohstoffquellen unter eigene Kontrolle gebracht bzw. gehalten werden sollen. Eine Politik, die sich allerdings einer nicht sehr kriegsbegeisterten Öffentlichkeit nur als Kampf um Menschenrechte, Demokratie oder wenigstens Friedenspolitik unterjubeln läßt.
In dieser Situation ringen die Westmächte – konkret sind es in diesem Falle die USA, Frankreich, Großbritannien, Portugal und Deutschland – um eine neue Resolution im Weltsicherheitsrat. Sinn der Übung ist es wenigstens die Legitimation für "nichtmilitärische" Sanktionen nach Paragraf 41 der UN-Charta zu bekommen. Militärische (nach Paragraf 42) wären ohnehin nicht durchsetzbar. Allerdings hat Rußland bereits deutlich gemacht, daß man auch zu nichtmilitärischen nicht bereit sei. Stattdessen versucht Rußland einie eigene diplomatische Offensive, bezieht sich abermals auf den Annan-Plan, den sein Urheber vor kurzem – wie es scheint etwas voreilig – für "gescheitert" erklärt hatte und schlägt eine eigene Resolution vor. Desweiteren spricht Rußland jetzt auch selbst mit einigen Kräften der Opposition, u.a. aus dem syrischen Nationalrat. Ziel dabei offenkundig, auch deren Reihen nach Rissen abzutasten und die verhandlungsbereiten Teile in Stellung zu bringen gegen diejenigen, die eigentlich nur die Vorwände für eine – auch offen geforderte – militärische Intervention liefern wollen.
Offenkundig verliert die US-Administration derzeit zusehends die Geduld und bedroht bereits – in Gestalt der Außenministerin Hillary Clinton – Rußland und die VR China, die einen "hohen Preis" bezahlen müßten. Im Moment zeichnet sich keine realistische Lösung des Konflikts ab, da die syrische Armee ebenso wie das politische System weit stabiler ist als seinerzeit das libysche und auch das Zerbomben der syrischen Armee mit Hilfe der eigenen Luftwaffe, wie in Libyen geschehen, mit weit größeren Risiken behaftet ist. Denkbar wäre allerdings das Syrien-Thema zeitweilig wieder herunter zu kochen und den Umweg über eine andere Baustelle zu nehmen. Es führen eben viele Wege nach Teheran. Der Vorkrieg hat schon begonnen."

Quelle: http://www.berlinerumschau.com/news.php?id=57112&title=Der+Vorkrieg+hat+schon+begonnen+%96+Westm%E4chte+treiben+Destabilisierung+Syriens+weiter&storyid=1001342098397 
 

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